Interstellare Objekte: 1I/’Oumuamua, 2I/Borisov und 3I/ATLAS im Fokus

Über Jahrhunderte galt das Sonnensystem als eine in sich geschlossene Region, in der alle Himmelskörper durch die Gravitation der Sonne gebunden sind. Doch die moderne Astronomie hat dieses Bild revidiert. Interstellare Objekte sind Reisende, die aus dem Raum zwischen den Sternen stammen und unser Sonnensystem lediglich auf der Durchreise besuchen. Diese Entdeckungen markieren einen Wendepunkt in der Astrophysik, da sie uns erlauben, die chemische und physikalische Beschaffenheit anderer Sternensysteme zu untersuchen, ohne jemals eine Sonde dorthin schicken zu müssen.

Interstellare Objekte und Hyperbolische Bahnen

Was interstellare Objekte von gewöhnlichen Kometen oder Asteroiden unterscheidet, ist ihre Geschwindigkeit. Während Objekte unseres Systems auf elliptischen Bahnen kreisen, weisen diese Besucher eine hyperbolische Exzentrizität auf (e > 1). Das bedeutet, sie sind zu schnell, um von der Schwerkraft der Sonne eingefangen zu werden. Sie stürzen mit hoher Geschwindigkeit aus dem interstellaren Raum auf die Sonne zu, werden um sie herumgeschleudert und verlassen das System für immer.

Die bisher bekannten interstellaren Objekte im Überblick

1I/’Oumuamua – Ein kosmisches Rätsel

Im Oktober 2017 entdeckte das Pan-STARRS-Teleskop auf Hawaii das erste interstellare Objekt: 1I/’Oumuamua. Der Name bedeutet im Hawaiianischen „Späher“ oder „Bote aus der fernen Vergangenheit“. ‚Oumuamua war in vielerlei Hinsicht untypisch. Er zeigte keine Koma – die für Kometen typische Staub- und Gashülle –, obwohl er der Sonne sehr nahe kam. Besonders rätselhaft war seine Form, die als extrem langgestreckt (zigarrenförmig oder pfannkuchenartig) beschrieben wurde, sowie eine beobachtete nicht-gravitative Beschleunigung.

Wissenschaftliche Modelle deuten heute darauf hin, dass es sich bei 1I/’Oumuamua um ein Fragment aus gefrorenem Stickstoff handeln könnte. Solche Fragmente könnten bei der Zerstörung von planetaren Krusten in jungen Sternensystemen entstehen, ähnlich wie die Oberfläche unseres Zwergplaneten Pluto. Stickstoff-Eis würde bei der Sublimation keinen sichtbaren Staubschweif erzeugen, was die „saubere“ Beschleunigung erklären würde.

2I/Borisov – Der klassische Botschafter

Ganz anders verhielt sich 2I/Borisov, der 2019 entdeckt wurde. Er war das erste interstellare Objekt, das eindeutig als interstellarer Komet identifiziert wurde. Borisov sah exakt so aus, wie Astronomen sich einen Kometen vorstellen: mit einer ausgeprägten Koma und einem langen Schweif. Spektroskopische Untersuchungen lieferten faszinierende Daten: Borisov enthielt ungewöhnlich hohe Mengen an Kohlenmonoxid (CO). Da CO nur bei extrem niedrigen Temperaturen gefriert, lässt dies darauf schließen, dass dieser Komet in den eiskalten Außenregionen eines fernen Systems entstand, bevor er durch die Gravitation eines Gasriesen in den interstellaren Raum geschleudert wurde.

3I/ATLAS (C/2025 R3) – Einblicke in die Vielfalt interstellarer Objekte

3I/ATLAS ist das dritte und jüngste dieser interstellaren Objekte. Nachdem er Ende 2025 sein Perihel passierte und im November/Dezember 2025 der Erde am nächsten kam, liefert er nun die Datenbasis für Vergleiche zwischen verschiedenen interstellaren Herkunftsorten. 3I/ATLAS befindet sich aktuell in der Phase des Verblassens, während er sich von der Sonne entfernt und unser System verlässt.

Die Forschung konzentriert sich bei 3I/ATLAS auf das Verhältnis von Staub zu Gas. Erste Analysen zeigen, dass er sich chemisch signifikant von 2I/Borisov unterscheidet. Dies ist ein entscheidender Hinweis darauf, dass nicht alle interstellaren Kometen gleich sind. Während Borisov reich an flüchtigen Gasen war, scheint 3I/ATLAS eine kompaktere Struktur zu besitzen. Solche Unterschiede geben uns wertvolle Rückschlüsse auf die physikalischen Bedingungen in den protoplanetaren Scheiben anderer Sterne.

Die Zukunft der Forschung an interstellaren Objekten

Jedes neue interstellare Objekt ist ein wertvolles Puzzlestück. Sie zeigen uns, dass die chemischen Bausteine, aus denen unsere Erde entstand, auch in anderen Teilen der Galaxie vorhanden sind – aber oft in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Da 3I/ATLAS nun langsam verblasst und in die Dunkelheit zurückkehrt, bereitet sich die Wissenschaft bereits auf zukünftige Entdeckungen vor. Projekte wie das Large Synoptic Survey Telescope (LSST) werden in den kommenden Jahren vermutlich viele weitere dieser interstellaren Wanderer aufspüren und unser Verständnis des Kosmos weiter vertiefen.